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Freitag, 18. Mai 2012

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1963 Bergwerksunglück Lengede

 

Einer der größten DRK-Einsätze der Nachkriegszeit war das Grubenunglück in Lengede in der Zeit vom 24.10. bis 7.11.1963. Die Alarmierung erfolgte am 24.10. um 23:30 Uhr. In der ersten Einsatzphase waren 66 Helfer/innen und 15 Fahrzeuge eingesetzt. In der zweiten Phase kamen weitere 84 Helfer und Helferinnen hinzu. Außer dem Kreisverband Peine waren Kräfte der Kreisverbände Hannover-Stadt, Wolfenbüttel und Gifhorn sowie der Fachdienstbereitschaft aus Hannover anwesend. An Verpflegung wurde ausgegeben: 4.680 Portionen Warmverpflegung, 6.750 Kaltverpflegung, 8.150 l. Tee und 4.908 l. Kaffee. Insgesamt 53.672 Einzelportionen. Die Eingeschlossenen bekamen 11 Mahlzeiten. Aufgrund der Enge des Bohrloches konnten die eingeschlossenen Bergleute nur in schmalen Versatzpatronen versorgt werden. Die Gesamtzahl der Einsatzkräfte des DRK Peine betrug 89 Männer und 36 Frauen. Das waren umgerechnet 811 Einsatztage. Zusätzlich waren 47 Ärzte im Wechsel, davon 34 Ärzte aus dem Kreis Peine, 11 Ärzte aus dem Kreis Lebenstedt und je 1 Arzt aus Hildesheim und Hannover tätig. Insgesamt hat das DRK bei diesem Einsatz in Lengede 1.880 ehrenamtliche Dienststunden erbracht.

 


Die Improvisation feierte Triumphe




Eine immer wiederkehrende Szene während der Fahrt der Krankenwagen mit den Geretteten von der Grube in die beiden Krankenhäuser: Menschen, die sich zutiefst über die Rettung dieser elf Bergleute freuen

Am 24.10.1963 erfolgte kurz nach 20 Uhr ein Wassereinbruch in die Grube Mathilde in Lengede (Landkreis Peine). Hiervon erhielt DRK-Arzt Dr. Kellner-Stederdorf gegen 23 Uhr die erste von Herrn Müller in Lengede verfaßte Meldung. Da er selbst nicht zu Haus war, nahm Frau Kellner die Nachricht entgegen: In Lengede sind 120 Menschen vom Wasser eingeschlossen. Wie und wo war nicht klar. Deshalb veranlaßte Frau Kellner, daß ein Krankenwagen nach Lengede in Marsch gesetzt wurde, um nähere Informationen einzuholen. Über Funk teilte der Fahrer, der sich durch den dichten Nebel gekämpft hatte, mit, daß die Menschen im Schacht vom Wasser eingeschlossen seien.

 

Jetzt standen die Telefone nicht still. Dr. Kellner unterrichtete die Kreisgeschäftsführerin und den Katastrophenbeauftragten Oberbeck. Das DRK gab gegen Mitternacht Voralarm.

 

Gegen 0.15 hörten Fernmeldegruppenführer Umann und Bereitschaftsführer Petruschke von der Uhlandstraße aus über Funk Gespräche der Lebenstedter Feuerwehr mit dem Technischen Hilfswerk Wolfenbüttel. Daraus war zu entnehmen, daß 34 Mann gerade geborgen wurden. Dr. Kellner begab sich zusammen mit Kreisbereitschaftsführer Becker nun nach Lengede. Per Funk hörten sie unterwegs weitere Einzelheiten. Als sie in Lengede mit dem Katastrophenbeauftragten Oberbeck zusammentrafen, waren schon über 70 Bergleute lebend geborgen.

 

 

Alarm sollte erst abgeblasen werden

 



Die Helferinnen des DRK Peine sorgten für die Verpflegung der Eingeschlossenen und der Rettungsmannschaft

Bei der Grubenleitung war man um diese Zeit so gut wie überzeugt, daß in der abgesoffenen Grube niemand mehr leben könne. Obwohl der Alarm abgeblasen werden sollte, suchten sich die beiden Ärzte im Gelände einen Überblick zu verschaffen. Sie bekamen auch zu tun, da von den geretteten Bergleuten einige unter Schockzuständen litten. Gegen 5.15 Uhr trafen die beiden Lengeder DRK-Frauen ein und bereiteten heiße Getränke. Die DRK-Fernmeldegruppe baute ihre Funkgeräte auf.

 

Als gegen 3 Uhr erwogen wurde, Bohrungen auszusetzen, um zu eventuell Eingeschlossenen vorzudringen, veranlaßte Herbert Oberbeck Vollalarm beim Roten Kreuz. Bald waren außer der Nachrichtenzentrale ein Sanitätsdienst, ein Betreuungsdienst und ein ärztlicher Wechseldienst eingerichtet. Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnte, welches Ausmaß die Katastrophe hatte, forderte das Rote Kreuz einen Küchenwagen, Krankenwagen und weiteres Material vom Landesverband in Hannover an. Am Abend wurde - nachdem man sich mit Funkgeräten beholfen hatte, systematisch ein Fernsprechnetz ausgebaut. Ein Fernsprechbauwagen war inzwischen eingetroffen.

 

An der ersten Versorgungsbohrung wurde ein Sanitätsdienst eingerichtet. Die Versorgung der 7 Männer unter der Erde wurde organisiert. Sie bekamen heißen Tee in Plastikflaschen, die gerade durch das enge Bohrloch paßten. Man drehte Pullover und Unterwäsche zusammen, um sie nach unten zu schicken. Frau Kühlbörn hatte sich von Kampeln Taschenmesser geliehen und bestrich zusammen mit Frau Behrens am laufenden Band Brötchen. 80 Pfund Gehacktes holten sie nach und nach aus dem Dorf. Abends wurde schließlich warmes Essen aus dem Kreiskrankenhaus gebracht. Dann trat der DRK-Küchenwagen in Funktion.

 

 

Keiner wollte Pause machen

 



Einführung der Versorgungsbombe in das Bohrloch

Von dem hilfsbereiten Geist zeugte die Tatsache, daß jeder glaubte, bis zur letzten Minute dabei sein zu müssen. Man mußte die übermüdeten Helfer geradezu zwingen, abzutreten und sich ein paar Stunden zur Ruhe zu begeben.

 

Eine Erfahrung, die bei der Auswertung immer wieder unterstrichen wurde: Man muß für alle Dinge auch Ersatz haben. Es hat sich als sehr zweckmäßig erwiesen, daß man sich von vornherein auf viele Möglichkeiten vorbereitet hatte, zumal ein Ende nicht abzusehen war. Es stellte sich auch heraus, daß man bei solchen Rettungsunternehmen, bei denen viele Mensche - in Lengede zeitweise über 400 - verpflegt werden müssen, keine festen Mahlzeiten einhalten kann. Die Küche muß jederzeit bereit sein. Es ist sehr schwer, eine genaue Verpflegungsstärke festzustellen. Beim DRK waltete der Grundsatz der Großzügigkeit. Da mußte plötzlich Eine Hundertschaft Polizei zusätzlich mit versorgt werden. Reibungslos wurde das bewältigt.

 

An der Barbecker Versorgungsbohrung feierte die Improvisation Triumphe. Man hatte keine Erfahrung mit Überdruckverhältnissen. Außerdem machten die 90 Prozent Luftfeuchtigkeit in der Luftblase Schwierigkeiten. Zellwolle wurde dort schnell nass. Nur die beste Wolle war brauchbar. Dicke Wolldecken passten aber nicht in die Versorgungsbombe. Man schnitt sie in drei Streifen. Die drei Männer sollten sie unten wieder zusammennähen. Damit waren sie im schwachen Schein der Taschenlampen aber überfordert.

 

Fleisch, das man in offenen Konserven herunterschickte, verdarb in Minutenschnelle durch noch unklare chemische Einflüsse. Man mischte es dann unter Haferbrei. So ging es dann. Das war übrigens auch der Grund, weshalb einer der Eingeschlossenen sein Hühnerfleisch wieder zurückschickte. Knäckebrot wurde unter dem Einfluß der Feuchtigkeit sofort pappig.

 

Eine kleine kuriose Panne passierte. Bei der ersten Breisendung nach unten wurden die Löffel vergessen. Da das nicht moniert wurde merkte es niemand. Nachher dachte man sie sind ja unten. Erst als einer der Geretteten nachher fragte: "Wie ißt man eigentlich Brei mit Taschenmesser?" wurde das Versäumnis sichtbar.

 



Der Bergmann Fritz B., der von Rot-Kreuz-Männern gestützt die Rettungsbombe verläßt

Im Kampf gegen die unterirdische Nässe bewährten sich besonders aufblasbare Paddellkissen, Schaumstoffmatten, die harte Männerfäuste zu dünnen Würsten zusammenrollen konnten, und Roßhaarsocken.

 

Für die Erhaltung der psychischen Widerstandskraft der eingeschlossenen Männer trug gutes, aber bestimmtes Zureden wesentlich bei. Viele kleine Dinge mußten bedacht werden. Sehr bewährten sich die Schutzhelme für DRK-Helfer, die das DRK in Lengede erstmals in einem Ernstfall eingesetzt hat. Krankenwagen, decken und Zelte wurden vorgeheizt.

 

 

Kompetenzen koordinieren

 

Es ist nicht möglich, die vielen persönlichen Leistungen im einzelnen nachzuzeichnen. Die Beteiligten haben sich mit ganzer Hingabe eingesetzt, ob es sich nun um das Technische Hilfswerk handelte, oder Arbeiter-Samariter, und Soldaten der Bundeswehr, die für das Spülwasser an den Kochstellen sorgten, oder die Männer vom Müllfuhrzweckverband, die mit den Schlammsaugen im Einsatz waren, oder last not least unsere Bohrmannschaften und ihre Hilfskräfte.

 

 

Text: DRK-Generalsekretariat (2003)

Fotos: DRK-Archiv

 

 

[Der Spielfilm: Das Wunder von Lengede]

 

 




Umfangreiche Berichterstattung: Zeitungsberichte aus der damaligen Zeit





Die Helfer erhielten als Dank und Anerkennung diese Medaille vom Bergwerksbetreiber (Vorder- und Rückseite)



Letzte Änderung:16.11.2011